Die Vornesitzer

Jaaa es gibt sie, die Vornesitzer. Das sind Menschen die glauben, warum auch immer, dass Ihnen mit der Geburt sozusagen ein Freifahrtschein in die Wiege gelegt wurde, der Ihnen erlaubt zu jeder Zeit, in jedem Auto vorne zu sitzen. Ohne sexistisch zu sein muss ich leider sagen, dass es oft Männer sind. Und ja, solltest Du ein Vornesitzer sein, wirst Du jetzt an deine irrsinnig langen Beine denken und daran das Frauen eben kleiner sind und das es halt so ist. „Bullshit“ fällt mir dazu nur ein. Die Vornesitzer sind meistens Männer, aber nicht immer. Und das Argument der Größe ist aus den Gründen nicht stichhaltig, weil 1) die meisten Autos groß genug sind, 2) auch kleine Männer das Recht für sich beanspruchen 3) man hinten genug Platz hat, wenn vorne eine kleine Person sitzt. Da kann man nämlich den Sitz komplett nach vorne schieben und hinten ist mega viel Platz.

Ich hasse Scheinargumente.

Scheinargument war mein „Wort des Jahres 2014“. Es sind Argumente, die nicht den wahren Grund enthüllen sondern zum Schein so tun, als wären sie ein Argument. „Mir wird hinten schlecht“, „Meine Beine sind zu lang“, „Ich kenn den Weg“ – Können in spezifischen Fällen echte Argumente sein (Ich habe eine Freundin, der wird tatsächlich immer schlecht vom Hintensitzen). Aber werden leider oft vorgeschoben um den wahren Grund („Ich will einfach vorne sitzen!“) zu verschleiern. Manche Menschen sind sogar so dreist nicht mal ein Scheinargument vorzubringen, sie setzen sich einfach ungefragt und ungebeten nach vorne, ey logo is ja auch ihr Platz.

Am schlimmsten finde ich dabei, dass ich meine eigene Haltung auf Grund der Vornesitzer verändert habe. Früher war mir das so schnuppe ob ich vorne oder hinten sitze, außer mir wurde dann echt mal schlecht in Italien nach stundenlangem Schlangenlinien fahren. Und logo ich wollte dann auch vorne sitzen, weil mein Bruder vorne sitzen wollte und Geschwisterkämpfe und so. Vielleicht hätte ich happily ever after werden können und die Vornesitzer nie als Feinde entlarvt, wenn ich nicht angefangen hätte, die Welt etwas sensitiver wahrzunehmen.

Ich fang mal ganz anders da an. Die meisten Menschen sitzen in der Bahn gerne in Fahrtrichtung. Das tu ich auch, logo, aber wenn wir in einer Gruppe in die city düsen, dann setze ich mich automatisch entgegen der Fahrtrichtung, da ich ja weiß, dass die anderen sich so wohler fühlen. Nennt mich einen Romantiker, aber ich finds schön Menschen mit kleinen Gesten eine Freude zu machen. Ich biete Übernachtungsgästen auch mein Bett an und geh auf die Couch oder den schöneren Kaffeebecher (was mir echt schwerfällt, weil ich OCD-mäßig immer meine Lieblingsbecher nehmen will). Im Restaurant will jeder auf die bequeme Couch und nicht auf den garstigen Stuhl – guess what – ich gehe immer auf den Stuhl, außer manchmal, auch wenn ich als erste reinkomme. In den Mantel helfen, Tür aufmachen, sich zurücknehmen: Ich finde, das ist eine schöne Geste. Nach dem Prinzip müsste ich mich eigentlich immer nach hinten setzen, was ich früher auch gemacht hab aber ich habe gemerkt, so wie ich ticke, so ticken andere nicht. Das verrückte dabei ist jedoch, das meine besten Freunde auch „Zurücknehmer“ oder „Hintensitzer“ sind. Die setzen sich eher freiwillig nach hinten bevor sie mir *Shotgun* zurufen würden. Irgendwann mal hab ich das bei meiner BFF angesprochen und die hat meinen Eindruck bestätigt. Seit dem hab ich gelernt, dass es wirklich zwei Arten von Menschen gibt, die „Vornesitzer“ und die „Hintensitzer“. ich kann eher mit der zweiten Kategorie.

Ich mag keine Vornesitzer. Wenn man einmal ein Muster analysiert hat, ist es unmöglich seine Gedanken zu löschen. You just can’t unsee it. Achtet mal drauf. Die Vornesitzer verhalten sich oft egoistisch in vielen weiteren Lebensaspekten und controlling, verglichen zu den „Hintensitzer“. Ich reden nicht von denen die ab und zu mal vorne sitzen, sondern von denen, die sich aufdrängen. In einer idealen Welt, also meiner „Grünen Wiese“, würde jeder höflich die bessere Option dem Gast oder Freund anbieten und man fände eine diplomatische Lösung, wie z.B. das gute alte Abwechseln. Hat man schon im Kindergarten gelernt zu teilen und sich abzuwechseln – ist doch ne faire Sache. Aber ich brauche irgendeine Form von sozialer Ordnung, eine Regel die ich verstehe. Eine Regel die nicht auf Scheinargumenten basiert. Und sorry, aber das „Männer vorne sitzen dürfen, weil sie einen Pimmel“ haben ist für mich keine Lösung.

Die Shotgun-Regel

Die Shotgun Regel ist einfach: Das Gegenteil von meiner grünen Wiese, nämlich nicht dem anderen das Beste geben sondern sich selbst das Beste nehmen. Das ist nicht romantisch aber wenigstens fair, bisschen darwinistisch, also „Vorne hinsetzten oder nach hinten versetzt werden“ #darwinstyle. Jeder muss auf sich selbst acht geben aber wenigstens ist diese Regel fair, denn es gibt nur das Gesetz des „Schnelleren“ und ist nicht vom Geschlecht determiniert.

Die Paar-Regel

Die Paar Regel sagt aus, dass Paare immer zusammen sitzen. Mami und Papi sitzen vorne, die Kiddies hinten. Meiner Meinung nach normal – Familien wo sich die Muddi nach hinten setzt, damit der Sohn mim Vadda über Fußball reden kann bringen mich zum brechen. Das ganze Thema ist nämlich sensibler als jeder zugeben mag und hat auch etwas mit Respekt und (leider auch) Macht zu tun. Ich empfinde es jedenfalls als respektlos, die Mutti nach hinten abzuschieben. Was anderes ist, wenn ich mit meinem Freund cruise – dann sollen sich meine Eltern bitte nach hinten setzten, die sind nämlich ein Paar und wenn die fahren, setzten wir uns ja auch nach hinten.

Die Freunde Regel

Gute Freunde wollen zusammen sitzen, ganz klar. Bevor ich den Machtkampf gewinne und mich zum stoffeligen Autofahrer nach vorne setzte, während meine witzige und coole Freundin hinten sitzt, setzte ich mich klaro zu ihr. Schwierig wird’s dann, wenn die Paar-Regel und die Freunde Regel kollidieren. Wenn es aber wahre Freunde sind und keine „Vornesitzer“, würde ich auch meiner Freundin den Platz vorne anbieten, denn ich brauch den Machtkampf nicht mehr und falle in mein altes Muster des „Zurücklehnens“. Das würde ich eigentlich auch gerne von Anfang an machen, aber dann gibt es Leute, die so dreist sind sich bei meinem Freund oder bei meiner Freundin, beides Menschen mit denen ich die engere Verbindung habe,ohne Anbieten nach vorne zu setzten. Das regt mich richtig auf, denn ich würde ja niemals wenn mich ein Paar abholt (egal wer fährt) mich nach vorne setzten. Das ist gute Kinderstube und verinnerlicht, oder nicht. Menschen die dieses Gebot brechen verlieren instantan viele Symphatiepunkte, denn ich weiß das sind die selben Menschen die im Restaurant zur Couchecke rennen und in der Bahn sich als erste im Vierer in Fahrtrichtung flenzen. So Leute taugen mir auf Dauer nicht.

Meine Regel

Ich habe die Regel, dass die, die enger sind zusammen sitzen dürfen, ergo die haben das Recht vorne zu sitzen und sind liebe Menschen, wenn sie dieses Recht abgeben indem sie es anderen anbieten. Ich biete es gerne an, aber nur wenn ich spüre, dass es anerkannt wird. Bei meinem Freund will ich aber immer vorne sitzen, weil ich einfach sein Händchen halten will. Genauso will ich aber lieber auch mit Ihm hinten sitzen, einfach um neben ihm zu sein.

Wie seht ihr das? Seid ihr ein Vornesitzer oder ein Hintensitzer und wenn ja warum?

#Interested.

In diesem Sinne, lean back -Nele

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3 Gedanken zu “Die Vornesitzer

  1. Hey, so, jetzt schaffe ich es mal zu deinem Text.

    Ziemlich auseinandergedröselt das Ding. Irgendwie finde ich, dass bitch sich das Leben vielleicht leichter machen könnte, wenn es zwei Sachen unterscheidet:
    – (prima facie) Du-Zuerst Verhalten vs. (prima facie) Ich-Zuerst Verhalten.
    – Auto-Sitzplatz-Verteilung in verschiedenen Situationen: nach festen Regeln vs. nach Lust und Laune.

    (prima facie) Du-Zuerst

    Ich bin glaube ich jemand, der gerne erstmal den anderen den Vortritt lässt; aber ich habe auch gelernt, dass das eben nur funktioniert, wenn das Gegenüber auch sensibel ist. Wenn ich mitbekomme, dass das nicht so ist, dann muss ich halt in den Ich-Zuerst Modus wechseln, kein Thema. Blöd halt.

    Blöd ist allerdings auch, dass der doofe Gender da wieder mit reinkommt: meistens ist es Teil der Ausbildung zum Mann*, selbstverständlich die Möglichkeiten zu sehen, bevor die Bedürfnisse der Anderen unherausgefordert in den Blick kommen. Frauen*-Ausbildung hat öfter etwas mit Fürsorge zu tun (Stichwort „Puppenmama“).

    Der Ich-Zuerst Style ist nicht unbedingt rücksichtslos, aber er geht davon aus, dass dier Andere sich schon melden wird, wenn was nicht passt. Eher opt-in als opt-out. Problem: Die Skills zur Konfrontation a la „ey, ich will das aber auch“ sind halt nicht gleichmäßig, sondern situationsabhängig, genderausbildungsmäßig und sonstige-priviliegien-abhängig verteilt. Trotzdem ist es halt cool, wenn bitch davon ausgehen kann, dass erstmal alles gut ist und mensch halt einfach so machen kann, solange kein „no“ kommt — einfach davon ausgehen, dass alles gut ist, ist halt entspannend. Naja, aber eben auch problematisch.

    Übrigens ist Darwin gar kein so übler Kerl gewesen, wie ihn die meisten so darstellen. Er hatte so seine zeitbedingten Schattenseiten, aber die Idee der natürlichen Selektion sagt nicht, dass wir in einem individuellen Kampf ums Überleben stehen. Evolution ist Gen-Selektion auf Populationsbasis — altruistisches Verhalten bis hin zur Selbsttötung eines Individuums kann durchaus die Fitness einiger Gene des Individuums steigern.

    Autositzplatz-Regelung

    So, jetzt aber zum Autositzplatz. Es gibt glaube ich zwei Sachen, die da reinspielen:
    1) Vorne sitzen hat irgendwie die Bedeutung von „wichtig sein“, „beim Lenken dabei sein“, „erwachsen und mündig sein“, „Verantwortung tragen“; vielleicht auch „mehr von der Straße und so sehen“.
    Es kann außerdem auch hierarchisch sein, weil denen hinten die Verantwortungsfähigkeit abgesprochen wird. Allerdings kann es auch hierarchisch sein, weil die vorne nur als Chauffeure verstanden werden. In unserer Gesellschaft ist aber das eigenverantwortliche Individuum eher auf dem Vormarsch — meistens werden die vorne sitzenden nicht als Chauffeure und Diener, sondern eben als Lenker und Gestalter, als die eigentlichen Agenten verstanden. Es ist wie mit dem die Tür aufhalten: dem König hätte der Diener die Tür aufgehalten, nicht weil er als zu schwach oder unterstützensbedürftig konzipoert war; aber der Dame wird die Tür aufgehalten, weil sie sich nicht abmühen müssen sol. Aber das führt jetzt doch auch etwas weit weg.^^
    2) Wer wo sitzt bestimmt, wer sich miteinander unterhält.

    Ideal wäre es, wenn (1) keine Rolle spielen würde. Denn dann kann einfach (2) entscheiden, je nach Situation. Will ich heute mit A mehr reden, weil wir ein Gespräch über unser Interesse xyz führen wollen? Oder will ich heute mit B zusammen sitzen, weil wir uns gerne haben, als Freunde oder Partner oder Eltern oder what ever? Oder was auch immer.

    Kommt dann auf die Leute an, mit denen mensch so unterwegs ist — Idioten, die halt wegen (1) vorne sitzen wollen, und das mit Gründen aus (2) vertuschen wollen, sind halt einfach schlechte Freunde, unangenehme Menschen. Keinen Bock auf sowas.

    Auch blöd ist es, wenn mensch in Gruppen unterwegs ist, die traditionell („weil das halt so ist“) die Sitzplätze nach Geschlecht oder sonst was verteilen — am schlimmsten noch, wenn dabei eine Hierarchie impliziert ist. Da ist der doofe Gender auch oft wieder mit dabei, insofern das Auto als Attribut von Männern* verstanden wird. Zum Glück ist das nicht immer so.^^

    Grütze aus dem Elfenbeinturm 🙂

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