Was will jeder werden, aber keiner sein?

Alt. Die Antwort ist alt.

Niemand will alt sein. Humpeln am Stock, Falten im Gesicht, Krankheit, Tot. Das assoziieren wir mit dem Alt werden und noch viel, viel mehr. Früher haben wir noch Geburtstage gefeiert und jedem Jahr entgegengefiebert und dann, zwischen 18 und 25 (spätestens!) kippt die Vorfreude dann allerdings in ein bedauerliches, weinerliches Zurückblicken auf junge, wilde Jahre.

Ich bin 27. Die Angst vom Älterwerden hatte ich schon sehr früh, vielleicht noch for 15. Bei mir war das aber denke ich weniger das Älterwerden, sondern mehr das Peter-Pan-Syndrom. Ich wollte nicht jung und heiss bleiben, denn zu der Zeit hab ich Latzhosen getragen und am liebsten mit meiner Katze gespielt. Ich wollte das die Zeit niemals endet.

Den Moment lieben und festhalten wollen ist vielleicht nicht realistisch aber doch nachvollziehbar. Immerhin wird das JETZT dann gelebt und nicht das GESTERN herbeigesehnt. Dennoch ist es eine Verleugnung des MORGEN. Ich habe dann gelernt, dass ich meine Tempi verbinden kann und immer in die Rolle zurückspringe, wie ich eben mag. Bei Mama auf dem Küchentisch sitzend bin ich GESTERN, wenn ich mit meinem Freund übers Heiraten rede bin ich MORGEN und wenn ich diesen Artikel in Jogginghose schreibe, obwohl ich eigentlich meine Masterthesis schreiben müsste, bin ich JETZT. So weit, so gut. Bis auf den Kram mit der Steuerrechnung (die ich immer noch nicht checke) hab ich es irgendwie geschafft, mein Problem mit dem Erwachsenwerden zu lösen. Ich springe als einzige Erwachsene zu dem Missfallen der Muddis mim Kinderwagen auf dem Trampolin im Spielplatz, schreie immer noch „Mamaaaa“, wenn ich meine Muddi im Supermarkt verliere, aber habe auch keine Angst mehr, wenn sie an der Kasse „nur noch was holen geht“, denn hei, ich bin ja erwachsen, im Notfall zahl ich. Voll die guten Kompromisslösungen und ich feier jeden Geburtstag und freue mich auf jedes Alter. Leider ist man nicht unempfänglich für das Laber-rababer Anderer und so kommt’s, dass ich pausenlos daran erinnert werde wie alt ich bin. Dabei ist mir das mittlerweile eigentlich egal. BZW wärs mir das gern.

Die Angst davor 30 zu werden

Als ich dann 27 wurde haben mir viele gesagt, dass ich nun nicht mehr Mitte 20 sondern Ende 20 bin und damit näher an der 30. Keine Ahnung, echt jetzt? Das hab ich gar nicht selber gemerkt. Jedenfalls: Thanks for sharing. Ich glaub das meint keiner böse, aber wenn ich mir dann anhören muss, dass ich ja schon voll alt bin von jemand der 24 ist, finde ich das schon sehr befremdlich. Von nem Kind wärs ja okay, für die sind ja alle alt die schon ne Klasse über den sind. Das ist stigmatisierend und verletzend. Und das schlimmste ist, das man sich schämt es stigmatisierend zu finden, weil das ja als Beweis interpretiert werden könnte, das latente Ängste kommuniziert werden. Dabei hab ich nur ein bisschen Angst.

Wovor habe ich Angst? Angst habe ich, dass mit jedem Jahr das ich älter werde auch meine Eltern älter werden, die ich sehr liebe und lange behalten will. Am liebsten mein ganzes Leben und dann alle gemeinsam sterben. Pyjama Party machen, alle Freunde einladen jeder lässt sein Leben Revue passiere, wir rauchen einen Joint und nehmen uns alle in die Arme und schlafen gemeinsam ein. Yo, not gonna happen.

Ich hab auch Angst, das mein Bruder heiratet und woanders wohnt und wir uns nur sporadisch zu Familienfesten sehen und nicht mehr abchillen wie Freunde und ich nur noch die Tante bin bei der gefragt wird ob sie angeheiratet ist oder verwand und wenn ja zu wem jetzt, also die „Schwester der Frau oder des Bruders“? Oder ich nur noch Skypebeziehungen mit meinen Freundinnen führe, weil wir alle eigene Familien haben und woanders leben und nur noch digitale Freundschaften über Facebook führen. Anstatt einer herzlichen Umarmung krieg ich dann ein Like auf meine Facebookbilder. Yay.

Ja davor habe ich Angst. Aber ich freue mich auch auf Dinge. Ich freue mich darauf meiner Tochter in spe mein Puppenhaus zu schenken, was mir meine Eltern liebevoll jede Weihnacht mit Kunstschnee aufgeräumt, und ein Geschenk darin platziert haben. Ich freu mich darauf mit meinen Kindern zusammen am Spielplatz zu rutschen, zu sehen wie meine Eltern Großeltern werden, mit meinen Bruder immer Kind zu bleiben und doch Lebensfragen gemeinsam zu besprechen, mit meinem Mann spießige Paarabende zu geben mit coolen Leuten mit denen man über mehr reden kann als oberflächliches Tatatata.

Vorfreude ist der Stärkste Gegner der Angst

Hoffnung nimmt uns die Angst vor schlechten future-scenarios und zeigt uns eine Welt auf, die wir niemals missen wollen. Die Welt von MORGEN. Schaut man sich Statistiken in anderen Ländern an, erkennt man traurig, dass die Lebenserwartung drastisch varriiert. Viele Menschen haben nicht einmal das Privileg 30 zu werden. Keine puppenhäuser, keine Grosseltern, kein Anschubsen an der Schaukel. So viele kostbare Momente und wir reduzieren sie auf eine Angst: Älter werden.

Ich verstehe die Ängste absolut, aber sind ein paar Falten mehr im Gesicht es denn Wert auf diese Dinge zu verzichten? Wenn es möglich wäre? Wer würde denn gerne für immer jung sein, aber niemals wissen wie es sich anfühlt als Opa Geschichten von früher im Schaukelstuhl zu erzählen? Quantität über Qualität? Steht der Wunsch sein Leben lang feiern gehen über dem Gefühl einen Menschen in sich aufwachsen lassen? Ich denke nicht. Nicht für mich. Vielleicht für alle twilight-fans. Klar, alles ist ein Tradeoff, aber wenn ich jetzt für immer wie 27 aussehen würde (was sicherlich einige Jahre cool wäre), hätte ich nie die Chance zu sehen, wie ich mit 50 oder 70 aussehen würde. Und son bisschen würde ich schon gerne wissen wie das ist.

Wir brauchen Vorbilder

Schöne, junge Menschen gibt es oft, und das ist ja auch okay. Aber tolle inspirierende ältere Frauen sind noch viel zu selten vertreten. Und die, die dann sagen Frauen sein wie Milch und Männer wie Wein kann ich nur entgegnen, dass sie jetzt schon eine Meinung haben die hoffentlich bald abgelaufen ist. Ich persönlich habe mein Vorbild gefunden: Meine Mama. So cheesy das klingt. Mein Mutter hat nicht nur crazy Glück mit ihren Genen, sie ist einfach ein volles GESTERN-HEUTE-MORGEN-Paket. Hat tolle Lebenserfahrungen von früher, ist immer Vorfreudig und optimistisch und jeden Tag gut drauf. Ein Sonnenschein und manchmal bisschen peinlich, wenn sie vor meinen Freunden wie ein Kind rumhopst. Kurzum ich liebe sie.

Leben=gut, Tot=schlecht

Der Tod ist beängstigend und für mich das stichhaltigste Argument für unsere Angst. Auch ich habe Angst vor dem Tod meiner Liebsten und klaro meinem eigenen. Aber selbst da ist eine Prise Hoffnung, wenn auch zugegeben eine kleine. Die Frage nach dem danach. Ich bin alles andere als tief religiös, aber wenn ich für immer leben würde, würde mir die Frage wohl nicht mehr aus dem Kopf gehen. Was kommt danach? Kommt überhaupt irgendwas? Ich glaube ja. Nicht weil ich glauben möchte, sondern weil ich es einfach tue. Ein Artikel, der mir dazu die Augen geöffnet hat und der für mich interessanteste Artikel auf der Welt, den ich jedem weitergeleitet habe findet ihr hier. Wie steht ihr zu der ganzen Symptomatik? Habt ihr Bewältigungsstrategien oder braucht ihr keine? Seid ihr eher GESTERN, HEUTE oder MORGEN Menschen?

Lasst es mich wissen, ich bin gespannt.

In diesem Sinne – Nele

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